Es gibt viel Kultur in unserer Region. Als da wären zu nennen die Schützenfeste natürlich, die vielen hochkarätigen Veranstaltungen auf dem Rathausplatz, die Schützenfeste, die vielen hochkarätigen Veranstaltungen im Stadtbunker (kein Theater, da kein Ensemble, dafür schlechter Sound und teuer im Unterhalt), und natürlich die Schützenfeste.
Um es vorneweg zu sagen: Ich habe nichts gegen Schützenfeste. Ich muss ja nicht dahin gehen. Und dass sich mir nicht erschließt, warum man mit Gewehrattrappen und Uniformattrappen einer diffusen Tradition (bestehend aus zwei verlorenen Weltkriegen) frönt, um einen Grund für den Alkoholkonsum vorzutäuschen, spielt genauso wenig eine Rolle, wie die Brauchtumspflege beim kollektiven Alkoholmissbrauch – wenigstens eingezäunt, also unter Aufsicht.
Was ich bedenklich finde ist, dass mittlerweile so ziemlich jede Veranstaltung vom Geist des Schützenfestes durchzogen ist. Beispiel: Bei einer Lesung in einer Lippstädter Kulturenklave klatschten insbesondere die menopausierenden Zuschauer spontan wie fröhlich im Zwovierteltakt eines Hörbeispieles mit, obwohl dieser als politischer Marsch zur Verdeutlichung eines geschichtlichen Zusammenhangs angekündigt war. Danke, für so viel Verstand.
Jede Veranstaltung in dieser Region muss also am Schützenfestmaßstab gemessen werden. Meist sinkt so für Sie das Niveau. Manchmal singt einer aber auch zu viel. Am Wochenende war dafür in einer Nachbarstadt im Sinne dieser Mission eine Veranstaltung bei einem Autohändler angesetzt und als Modenschau deklariert:
Nach der Ableistung des Wegzolls in sagenhafter Höhe bei einem ehemaligen “Venue”- Türsteher, der überraschend doch über die Gabe des gesprochenen Wortes verfügte, befanden wir uns alsdann in einer Gruppe höchst provinzieller Natur.
Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Eine Veranstaltung ist nicht vom Verständnis der Gäste für das Dargebotene abhängig, allerdings ist im Umkehrschluss auch keine Einschätzung der Qualität durch die Resonanz im Publikum sichergestellt.
Die dargebotene Mode/Frisuren/Schmuck waren nett bis uninteressant, sicherlich tragbar, die Mannequins bemühten sich, die multimediale Beigabe bestand aus einer des Öfteren abstürzenden Powerpoint- Präsentation und enthielt hauptsächlich (Eigen)Werbung. Die Getränkeliste war unvollständig, auf Nachfrage gab es dann aber doch noch mehr Auswahl, die sonst guten Cocktails bestanden diesmal überraschend hauptsächlich aus Eis, die sonstige Verpflegung aus Kartoffelsuppe. So weit, so schlicht.
Während der Modenschau fielen penetrant zwei negative Aspekte auf: Die dröhnende, streckenweise unpassende und insgesamt nervtötende Musik sowie die moderatorähnliche Geschmacksverwirrung, die offensichtlich an einem starken Minderwertigkeitskomplex laborierte und diesen ausgerechnet auf der Bühne kompensieren musste:
Was soll es dem geneigten Zuschauer bedeuten, wenn der Moderator einer Modenschau farblich unterschiedliche Schwarzschattierungen in Hosen, Shirt und Jackett trägt? Das man Reste auch kombinieren kann? Warum ein weißes Einstecktuch im Jackett, aber einen Indoorschal anstatt einer Krawatte (im Übrigen wird das Dreieck des Einstecktuchs nicht hochkant ausgeführt, weil es dann wie eine Serviette wirkt). Warum ein ärmelloses Shirt (!!!) unter einem Blazer?
Wozu sind die beiden Kerzen links und rechts am Notenständer vor dem Moderator gut, soll dies Romantik symbolisieren? Und warum stehen dieser Ständer und sein evolutionärer Vorläufer mitten auf der Bühne und singen (lautstark und tendenziell falsch) während der Schau?
Warum muss man ein zierliches Model erst zu dritt über den Köpfen balancieren und dann anschließend durchs Mikrofon kolportieren, es wäre schwer gewesen, diese 75kg zu wuchten? Im Gegensatz zum Verbreiter dieser Beleidigung hat die junge Dame offensichtlich viel Zeit mit Sport für die positive Wirkung ihres Körpers verwendet, was man vom fleischbemützten Moderator nicht unbedingt behaupten kann. Weitere Beleidigungen prasselten im Laufe des Abends sowohl auf Publikum als auch auf Mitarbeiter ein.
Warum muss man am Ende einer Modenschau “We are the world” singen und warum dies eine geschlagene Viertelstunde lang?
Für etwas mehr Niveau hätten sich reichliche Möglichkeiten geboten, aber wie eingangs gesagt, alles muss auf Schützenfestniveau sein. Schade, da muss man nicht mehr hin.
Artikel kommentieren »