Edit: Hartmut, Bernhard und die liebe Kultur

Wer bewacht die Wächter? Diese Frage ist wichtig in einer Stadt, deren einzige Tageszeitung einen gewissen Sättigungsgrad erreicht hat. Ihr Auftrag ist klar: objektiv Berichten, Hintergründe liefern, nachfragen, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf die Finger schauen, kurz: den öffentlichen Diskurs fördern.

Wenn man sich das vor Augen hält, wirkt dieser als Hilfestellung deklarierte Text eher wie ein getarntes In-Sicherheit-wiegen von „unns Bennad“. Quasi ein später Durchhaltefilm in Printform.

Denn eigentlich „vernimmt“ der Gute den Aufschrei aus unseren Krankenhäusern, dass es um den Nachwuchs schlecht bestellt sei. Und schlägt daraufhin vor, angehenden Assistenzärzten die Vorzüge Lippstadts zu erklären. Oder anders formuliert: Unser Lipperöschen ist doch schon sehr schön, jetzt muss es nur noch seinen Duft in die weite Welt versprühen, auf dass alle medizinischem Arbeitsbienchen ganz verrückt nach ihr werden. Wie das gehen soll, verrät uns der Mann im Kettenhemd leider nicht (mein Vorschlag: schickt Bernhard mit großem Sack und Elektroschocker auf Mediziner-Abschlusspartys).

Und hier kommt Hartmut ins Spiel. Der stößt sich an des Bernhardens SatzDa gibt es […] ein Kulturangebot, das sich mit so mancher Großstadt messen kann.“ Hartmut meint, Lippstadts Kulturangebot sein nicht nur nicht vergleichbar mit Großsstädten, sondern auch komplett vorbei an den Bedürfnissen von Jugendlichen in den Zwanzigern. Und mahnt an, man dürfe sich mit der von Bernhard geübten Form der Selbstgenügsamkeit nicht selbst im Wege stehen. Hartmuts Anklage endet in der Annahme, ein kulturell anspruchsvolles Angebot fern von Schlagerparaden und Herbstkirmes sei überhaupt der wichtige Standortfaktor, wenn es darum geht, den Nachwuchs welcher Branche auch immer herzulocken.

Da Hartmut das nicht belegt, und Bernhards Text ohnehin auf mich den Eindruck macht, dass er eher leeres Papier denn Hirne mit Anspruchsvollem Gedankengut füllen sollte, habe ich mal nachgeschaut. Und es gibt zufällig in der Tat eine recht aktuelle Studie zum Umzugsverhalten der Deutschen. Darin stehen drei Gründe für den Umzug ganz weit oben:

  1. Eine Verbesserung der eigenen Wohnsituation (dh eine schönere Wohnung oder Haus)
  2. Dem Job hinterherziehen (kennich irgendwoher)
  3. das Zusammenziehen zweier Lebenspartner

Studie

Also kann man Hartmuts „J’accuse“ ein „Au Contraire“ entgegnen, denn abgesehen von der Studie kenne ich niemanden, keinen Einzigen, der gesagt hätte „Ja also, X hat ein so unglaublich großes Kulturangebot, da musste ich einfach hinziehen.“ Klingt auch irgendwie komisch.

Meine Meinung zum Thema ist, dass junge Assistenzärzte in der Regel dort Erfahrung sammeln möchten, wo beruflich die Luzie abgeht, wo man was lernt, wo Profilierung und ein möglichst hoher Verdienst möglich sind: In den Charités, den unzähligen Unikliniken, den Plastischen Schönheitschirurgie-Oasen dieser Republik. Also sollten die Krankenhäuser an ihrem Angebot feilen. Gleiches gilt für andere Branchen (ich weiß beispielsweise, dass einer „unserer“ Hauptarbeitgeber seine Spitzenleute allein durch Hammergehälter und zusätzliche Vergünstigungen nach Lippstadt lockt.) Mit dem Kulturangebot hat das höchstens was am Rande zu tun. Trotzdem könnte es um einige spannende Projekte ergänzt werden – angefangen bei einer Tageszeitung, die ihren Auftrag wahrnimmt.

Nachtrag 14.03.2008: 

Hartmut hat hier auf meinen Post geantwortet. Er meint, wenn alle Krankenhäuser den potenziellen Bewerbern dieselben Bedingungen böten, würde die Kultur als Entscheidungsfaktor eine Rolle spielen. Einverstanden. Denn es trifft zu. Beispielsweise dann, wenn ein fertiger Arzt zurück in die alte Heimat „Hellwegregion“ ziehen will und sich deshalb zwischen Soest und Lippstadt als „Arbeitgeberstadt“ entscheidet (Die Cracks indes bleiben in Berlin, München und Heidelberg, und das nicht wegen der Kultur. Denn Krankenhäuser bieten nunmal nicht alle dieselben Bedingungen).

Außerdem hat Hartmut noch ein paar sehr interesante Links zum Thema „Kultur als Wirtschaftsfaktor“ gesammelt, in denen aufgezeigt wird, dass auch Kultur Umsatz machen und jede Menge Leute einstellen kann. Stimmt auch. Und wird viel zu oft und gerne vergessen. Bezogen auf den aktuellen Fall kann ich da nur sagen: Tja, vielleicht sattelt ja der ein oder andere Assistenzarzt um und malt, oder nimmt an Poetry Slams teil, schreibt Bücher oder wird Kabarettist… wäre nicht das erste Mal ;o)

Ein Gedanke zu „Edit: Hartmut, Bernhard und die liebe Kultur

  1. Patrick

    „… – angefangen bei einer Tageszeitung, die ihren Auftrag wahrnimmt.“ *thumbs up* Das wäre wirklich mal was. Aber zum Glück befinden wir uns nicht 100% in der Zensur was unser Printmedium angeht, immerhin gibt es da ja noch „unseren Motte“ mit seinem Blicker. Diese Beilage macht einfach Spaß beim lesen und regt zum nachdenken an.

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