Nennen wir das Kind mal beim Namen: Abgesehen von einigen Zeitgenossen, die mich per se nicht leiden können und sich Kommentare sparen, wenn ich mit meinen Beiträgen auf ihrer Linie liege, jedoch sofort zuschlagen, wenn ihnen etwas nicht in den Kram passt, scheint die Leserschaft dieses Blogs aus der Mehrheit der Lippstädter zu bestehen, die hier eine Art Dauerlobhudelei über unsere Stadt erwarten.
Ja, die Beiträge von mir sind nicht erbaulich. Sollen sie auch nicht sein. Sie sind eher der Ausdruck einer erschreckenden Diskrepanz zwischen den propagierten Wahrheiten und den tatsächlichen Zuständen in Lippstadt.
Fakt ist nun mal, dass sich Lippstadt nach unten bewegt. Ich komme viel herum, sehe andere Städte und bemerke immer wieder, dass hier eine verordnete Lethargie akzeptiert wird, weil es so schön bequem ist zu dem bekannten Effekt führt, dass man seine Fesseln ja nicht spürt, wenn man sich einfach nicht bewegt.
Kann sein, dass das auf manche Zeitgenossen depressiv wirkt und dass sich einige Leser hier positivere Beiträge wünschen. Mein Vorschlag dazu: Produziert doch gute Nachrichten! Steht doch jedem frei, hier zu bloggen.
Wenn ich drei Threads zum Thema H&M sowie zwei zum LP- Kennzeichen sehe und das mit den Geschreibsel in der Lokalpresse vergleiche und zuviel Übereinstimmung finde , stellt sich mir die Sinnfrage zum Lippstadt-Blog: Wie wäre es denn, wenn man ein Medium, dass sich nicht nach dem Gusto der bürgerlichen Parteien, ihrer cerebral verstorbenen Wähler und dem Willen derer, die das Heft in der Hand halten richtet auch mal als Projektionsfläche für kritische Informationen nutzt?
Meint Ihr denn wirklich, mit einer unbekümmerten und zweckoptimistischen Einstellung würde sich hier in Lippstadt irgendetwas ändern? Schaut Euch doch mal an, was die letzten Jahrzehnte aus unserer Heimatstadt gemacht wurde!
- Die Hella verhindert erfolgreich die Ansiedlung von BMW, Ford und anderen Unternehmen, die ihr den Status des größten (unternehmerischen) Arbeitgebers streitig machen können und sorgt dafür, dass Firmen wie z.B. Heimeier abwandern, weil sie hier keine geeigneten Gewerbeflächen finden. Sie entlässt ihre Belegschaft chargenweise in die “moderne Sklavenhaltung” einer eigens dafür gegründeten Zeitarbeitsfirma und baut dafür Dependancen in aller Welt, nicht aber in Lippstadt, wo ja extra jeder Quadratmeter Gewerbefläche extra für sie reserviert wurde, auf. Wenn in Mexiko dann nicht alles nach Plan läuft, wird McKinsey beauftragt, einen Stellenabbau am Heimatstandort als einzige Möglichkeit zu proklamieren. Gleichzeitig werden ein paar tausend Euro in eine “Initiative” gepumpt, die den Regierungswechsel in NRW propagiert. Und als das rauskommt, sorgt der örtliche Zeitungsverleger dafür, dass wir eine Zeitung bekommen, die einen Extra- NRW Teil hat, damit wir überlesen, auf welchem Niveau die Hella angekommen ist. Nur nicht die Lampenbude ins (falsche) Scheinwerferlicht zerren! Dafür gibt es dann aber einen PPP (Private Public Partnership), bei der die Hella ihre neuen Straßenlampen fragwürdiger Qualität (die Mitbewerber lachen jetzt noch) auf Kosten der Stadt und Anwohner ausprobiert. Derweil wird Gewerbefläche von der Hella an die Stadt verkauft, damit wir nun im Überflutungsbereich der Lippe eine Hella- FH ansiedeln können.
- Das hier alles “Auto” sein muss, hat sich ja schon beim Cartec bewährt. Da sitzt jetzt die Verwaltung der oben genannten Zeitarbeitsfirma, finanziert unter anderem auch mit Geldern der Lippstädter Banken (dass deren Kunden aufgebracht haben) und Geldern der Stadt (dass deren Bürger aufgebracht haben). Das ganze hat den Nimbus von Vieh, dass sich nicht nur selbst zur Schlachtbank führt, sondern diese zuvor auch noch eigenhändig zusammen hämmert. Gesteuert wird das Ganze von der wohl schlechtesten Wirtschaftsförderung, die man sich vorstellen kann, so zumindest sprechen einige Lokalpolitiker, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Und was steht dazu in der Tageszeitung? Alles toll, alles super, schön, dass wir mal darüber geredet haben.
- Freibad und Hallenbad sind marode und reißen regelmäßig große Löcher in die Haushaltskasse. Anstatt wie in anderen Städten ein Kombibad zu bauen und so schon mal per se Geld einzusparen (nur ein Standort, ganzjährige Nutzung), wird über Sparmaßnahmen diskutiert.
- Der Güterbahnhof soll zugunsten eines Supermarkts abgerissen werden, dafür wird die historische bedeutsame Innenstadt zu einem Torso verstümmelt, die Verkehrsplanung ist ein Witz und der Scheiss- Magnet- Effekt ist eine hohle Lüge, mit der die Bevölkerung zur Raison gebracht werden soll. Die Gutachten sind genauso schlecht und aus dem gleichen Stall, wie eh und je, der architektonische Entwurf ein schneller Wurf. Lippstadt schafft Gewerbebau und reißt dafür historische Gebäude ab. Tatsächlich ist der Zug mit der Wettbewerbsfähigkeit schon lange abgefahren und die Option, Lippstadt zu einem kulturwirtschaftlichen Zentrum der Region zu machen, regt die Politiker höchstens auf. O- Ton eines Parteimitglieds: “Wenn wir die Alternativplanung nicht befürworten, drohen Sie mit einem Bürgerentscheid”. Wenn man den Lokalpolitikern also mit demokratischen Mitteln kommen will, ist das also eine Drohung. Und diejenige, die mal für etwas aufstehen, werden als linke Autonome mit Hang zur Gewalt dargestellt (Postuliert von Hannelore Bartmann Salmen (CDU) im Patriot!). Schön, dass wir darüber mal reden konnten.
- Und weil das schöne Projekt nun den Bach runter geht, bekommen die Wellblechbudenkonstrukteure von der AKW als Ersatz für ihr architektonisches Machwerk am Güterbahnhof den Zuschlag für den neuen Uni Campus. So hilft man sich und denen, die es alleine nicht schaffen würden. Schön, dass wir auch darüber mal geredet haben.
- Zur Unterführung am Südertor sei die Frage erlaubt, ob man den Pulitzer für eine malerische Bildunterschrift gewinnt? Beton und Stahl sind seit den 1970ern out; nur nicht in Lippstadt. Da füllt man auch gerne Scheiße in eine Vase und deklariert es als Blumenbeet. Schön, dass wir darüber mal reden konnten.
- Apropos Blumen: Ich kenne Hemer, dieses kleine Drecksnest. Und die haben jetzt die Landesgartenschau. Weil Lippstadt es nicht auf die Kette bekommt. Wir sind wohl wirklich für alles zu unfähig, offensichtlich. Schön, dass wir darüber mal geredet haben.
- Die Paarung zwischen Doofheit, eine Spendenaktion für die Renovierung der Bahnliegenschaften und die Dreistigkeit der Bahn, dass Vorhaben mit 50% mitzutragen, ist schon ein starkes Stück. Schön, dass wir auch darüber mal reden konnten.
- Bleibt noch die Tatsache, dass erst mit Carmen Harms und ihrem Team überhaupt etwas, dass man Kultur nennen kann, in dieser Stadt wieder Fuß fasst. Zwar gilt auch jetzt noch, dass Kulturveranstaltungen, die in Delbrück, Ahlen, Beckum und Soest gastieren, nicht unbedingt nach Lippstadt kommen, aber umgekehrt wird das wenige, dass wirklich Format hat, bestimmt auch dort aufgeführt, wenn es in Lippstadt war. Na ja, wenigstens etwas. Und schließlich will das stumpfsinnige Publikum auch nicht mehr: Wenn neben Götz Alsmann, Jürgen von der Lippe und Atze Schröder mal ein Jürgen Becker sein vielbeachtetes Programm “Ja, was glauben Sie denn?” nach Lippstadt bringt, steht zwei Tage später ein Leserbrief in der Zeitung, der sich ob der Blasphemie der rheinischen Art beschwert. Schön, dass wir mal darüber geredet haben.
- Hat sich schon mal jemand gewundert, warum wir nicht mal einen simplen Burger King haben? Ganz einfach: Weil der Inhaber der McDonald’s Filialen in Lippstadt aufpasst, dass der Stadtrat keine Fläche für den BK freigibt. So etwas nennt man Protektionismus. Und das findet man an allen Enden und Ecken hier. Die Vetternwirtschaft hat hier Ausmaße angenommen, dass der Kölner Klüngel sich im Vergleich dazu wie das Verhältnis eines Apfeldiebes zur Cosa Nostra ausnimmt. Schön, dass wir darüber mal geredet haben.
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ein ganzes Buch könnte man darüber schreiben…
Andere Städte haben Bürgerstiftungen, wegweisende Konzepte, kreative Köpfe und arbeiten hart an sich während hier mehr “Rosarote Brille” gefordert wird. Ich hab’s gelesen, hab’s miterlebt, hab’s gesehen, mich informiert und es kritisch betrachtet. Und habe erkannt, dass die Liebe zu seiner Heimatstadt nicht in eine bedingungslose Hörigkeit gegenüber dem Stumpfsinn in den Köpfen zu vieler Altvorderen münden darf. Aufstehen und Anprangern, Meckern und Mosern; das sollte die Devise sein!
Und deshalb schreibe ich weiter über die Dinge, die hier (permanent) schief laufen; einfach abzuhauen, ist mir zu einfach.
Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt: Wenn Herr Sommer endlich seinen Listenplatz im Landtag hat und seinen Stuhl für einen kompetenten Bürgermeister freimacht, der nicht nur an die eigene Karriere denkt und nicht aus dem Sauerland importiert werden muss, wenn die Lokalpolitiker aus dem geistigen Prekariat endlich weg sind vom Fenster und die Wähler ihr Gedächtnis nicht mehr vor der Wahlurne ausschalten, wenn “Für die Stadt” nicht mehr gleichbedeutend mit “Für ein paar Handverlesene” ist, wenn jemand eine Zeitung gründet und den Menschen die Wahrheit aufs Papier druckt, ja, wenn das alles irgendwann passiert, dann ist die Zeit für gute Nachrichten…
Schön, dass wir mal darüber geredet haben.
Anmerkung: Bericht wurde vom Autor überarbeitet um einige Formulierungen abzuschwächen, da diese der Sache nicht dienlich sind.
Dieser Eintrag wurde verfasst am Dienstag, 17. August 2010 um 00:23 und in der Kategorie Allgemeines und Sonstiges abgelegt. Antworten auf diesen Beitrag kannst du mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst außerdem einen Kommentar abgeben oder einen Trackback von deinem Blog senden.



17. August 2010 um 15:22
Danke!
18. August 2010 um 10:05
Volle Zustimmung.
Gestern in Soest: Mieses Wetter, wie überall, chaotische Verkehrsführung wie in Lippstadt, dafür aber eine belebte Innenstadt, reichlich Touristen, junge Leute, Familien.
Die Innenstadt hält, was das Label “historisch” verspricht.
Über den nichtvorhandenen Charme der Lippstädter Schneise in dunkelgrau brauche ich nicht zu reden.
18. August 2010 um 16:27
Artikel und Kommentar enthält einiges Wahres. Die “Lippstädter Schneise in dunkelgrau” trifft es und werde ich in meinen Sprachgebrauch aufnehmen.
19. August 2010 um 07:44
…hier steht doch nur was jeder weiß!!
kann man eigentlich alle Politiker mit einem Mal abwählen?
aber uns bleibt ein Lichtblick: Wir haben eine Bürgermeister der sich auskennt –
aus meiner Erfahrung kenne ich so viele Schrumpfköpfe die wegen der Seilschaften aus Schützen- und Gesangsverein Ihre Stelle bekommen haben – aber unserer passt …
19. August 2010 um 08:24
DAS MUSSTE MAL GESAGT WERDEN!!!
13. November 2011 um 13:59
Kann vieles “Unterstreichen”, vieles weiß ich allerdings auch nicht was du da geschrieben hast. Könnte es mir aber genauso vortellen. Schon sehr merkwürdig das sich diesbezüglich -siehe Beispiel Burger King- die Mühlen sowas von langsam drehen. Das ist echt zum Kotzen. Finde gut das da endlich mal jemand was sagt!!! Weiter so
Gruß, oljam
27. März 2012 um 09:28
Das musste mal gesagt werden?
Ja, das muß es!!! Aber es muss auch Menschen erreichen die etwas Einfluss haben und die mal etwas darüber nachdenken.
Was soll das sonst bringen, wenn es einfach untergeht?
Schön, dass wir darüber mal geredet haben?
Das ist zuwenig :/
29. März 2012 um 21:35
Ich sage ja auch nicht, dass das Schreiben alleine etwas ändert und auch nicht, dass es ausreicht, Missstände aufzuzeigen – aber irgendwo muss man ja mal anfangen