Lippstadt-Blog: Das Weblog von Lippstadtern für Lippstadter

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Mi
26
Okt '11

Lippstadt, die Einkaufsstadt

Mein Stammoptiker hat das Pflegemittel für die Kontaktlinsen, das ich seit 20 Jahren verwende, aus dem Programm genommen. Ich möge doch bitte zukünftig entweder eine andere Marke wählen oder die gewohnten Tabletten in ausreichender Menge bestellen und dann abholen. Mit den Monatslinsen selbst ist es schon länger so. Vielleicht bin ich ja tatsächlich der einzige Kunde, der dieses Mittel kauft, aber der Umsatz, den ich bei ihm lasse (mehrere hundert Euro allein für Brillengläser, da ich nun mal stark kurzsichtig bin) scheint die Lagerhaltung von Zubehör im Wert von ein paar Euro nicht zu rechtfertigen. Okay, kaufe ich auch diese Produkte zukünftig im Internet, genau wie so viele andere Dinge, die mir der örtliche Handel nicht mehr bietet. Und was man vor dem Kauf gerne sehen und ausprobieren möchte, gibt es in anderen Städten in größerer Auswahl zu vergleichbaren Preisen und mit besserem Service: Hamm, Bielefeld, Münster; man muss nicht einmal bis Dortmund, Essen, Düsseldorf oder Köln reisen, um sich als Kunde goutiert, beraten und aufgehoben zu fühlen. Nur in meiner Heimatstadt will das nicht mehr so recht gelingen. Sprüche wie “Das die Socken falsch ausgezeichnet sind, ist nicht meine Schuld” (interessiert mich nicht), “Wenn Sie bei uns nicht zufrieden sind, können Sie es gerne woanders probieren” (Danke, weiß ich schon) und ähnliche vertriebliche Glanzpunkte habe ich bisher noch nie in anderen Städten erleben müssen. Auch dass man sich dumm und dusselig wartet, bis sich mal jemand bequemt, sich des lästigen Kunden anzunehmen oder die Grundlagen jeglicher Erziehung (“Guten Tag”, “Bitte/Danke”, “Auf Wiedersehen”) bereits die Ausnahme anstatt der Regel darstellen, kann ich nicht so recht verstehen.

Ich weiß, es wird jetzt Kommentare hageln, in denen es lautet: “Stimmt nicht, ist doch super hier”, aber meine Einkaufserlebnisse in anderen Städten sind doch zu oft schöner in Erinnerung geblieben. Zudem weiß ich wo von ich rede: Bei Trainings und Verkaufsschulungen habe ich schon oft nachgewiesen, wie man Umsätze steigert und Kunden bindet. Das ich diese Seminare bewusst nicht in Lippstadt anbiete, hat übrigens einen einfachen Grund: Meiner Meinung nach ist der Lippstädter Einzelhandel erkenntnisresistent und so von sich überzeugt, dass der eine nach einer Brücke ruft, weil kein Kunde Umwege in Kauf nimmt, um auf der Langen Straße einzukaufen und andererseits die Verwaltung diese Blödsinnsaktionen sogar ernsthaft durchkalkuliert (da weiß man offensichtlich, warum).
Und natürlich gibt es auch Ausnahmen: Tatsächlich gilt oben Gesagtes nicht für jeden Laden in der Stadt. Und ich gehe auch gezielt dahin, wo man meinen Namen kennt, mich als Kunde schätzt und mich regelmäßig zufrieden stellt. Nur das diese Anlaufpunkte immer rarer werden.

Sie sind Händler und kennen mich nicht? Denken Sie mal drüber nach… vielleicht war ich schon einmal, also nur einmal, bei Ihnen…

Di
25
Okt '11

Heißläufer, Wutbürger, Rohrkrepierer

Die Diskussion um die Schließung des Gymnasiums Schloss Overhagen läuft öffentlich heiß, so steht es heute im Lokalblatt. Stellt sich die Frage, über was soll man noch diskutieren? Die Schließung ist längst beschlossen und ändern wird sich daran wohl nichts mehr. Wieder einmal hat unsere Stadt geräuschlos und natürlich ohne Bürgerbeteiligung Fakten geschaffen, die dem Wutbürger jetzt aufstoßen.
Interessant finde ich auch Kommentare, die Stadt würde Geld in öffentliche Toiletten und Projekte wie jenes am Güterbahnhof stecken, aber für Bildung wäre nicht genügend übrig.
Umgekehrt müsste man dann wohl aber auch feststellen, dass sich der Protest erst zu Themen regt, wenn man sich ausreichend betroffen sieht – ich habe jedenfalls keine Demonstrationen gegen das Edelstahlklo am Postpark gesehen und die Wahlbeteiligung beim Ratsbürgerentscheid gegen das Einkaufszentrum am Güterbahnhof war auch nicht gerade ein glänzendes Beispiel für den Wunsch der Bürger für mehr Beteiligung an der politischen Gestaltung.
Unabhängig von Tatsachen, wer was finanziert, ob man die Schließung verhindern konnte und wer wann  erfahren hat, was wo und warum geschlossen wird; wenn die Lippstädter sich auch weiterhin auf den bequemen Standpunkt zurückziehen, man könne sowieso nichts machen, und sich punktuell über Friesenbruch, Poller und GSO aufregen, weil sie tatsächlich mal selbst betroffen sind, wird die Zukunft stringent so verlaufen, wie die Vergangenheit. Es fehlt an einem allgemeinen Protest, das Grundsätzliche, der Wunsch nach einer Veränderung im Gesamten, auch wenn man nicht direkt darunter leidet. Wehret den Anfängen, heißt es und Niemöller hat einmal eindrucksvoll gesagt, was passiert, wenn man so lange sitzenbleibt und sich herausredet, man sei ja nicht betroffen, bis man letztendlich auch in die Schusslinie gerät.

Was ich nicht verstehe, ist die Entscheidung, die Overhagener ausgerechnet vom Ostendorf Gymnasium assimilieren zu lassen. Gerade von diesem Leerinstitut gingen in der Vergangenheit der meiste Spott und Hohn ob des kolportierten Unterschieds im Leistungsniveaus zwischen beiden Schulen aus. Da könnte man schon fast von einer feindlichen Übernahme sprechen, die ausschließlich dem Ostendorf Gymnasium  zum Vorteil gereicht. Ich würde meine Kinder jedenfalls nicht dorthin schicken, wenn sie bisher auf Overhagen zur Schule gegangen sind.

Aber zurück zur Kommunikation zwischen Herrscher und Volk: Nachdem die Informationen so freudig wie dürftig durch die Leitungen tröpfelt, fällt mir ein, dass ich neulich in einer Gesprächsrunde postulierte, dass wir 2014 den Sommer ablösen sollten. Die Folge waren spontane Ausrufe, dass dieser doch einen guten Job mache. Auf Nachfrage konnte aber keiner genauer ausführen, was denn dieses Gute sein soll! Offensichtlich reicht es da genau wie beim großen Vorbild in Berlin wohl nur für die Aussage “Besser als erwartet”. Eine tolle Disziplin, die offensichtlich in der Politik als Bewertungsbasis allgemein anerkannt ist. Wir sind wohl schon froh, wenn der Sommer bei öffentlichen Terminen nicht der Länge nach auf den Boden schlägt. An Ärgernisse und Enttäuschungen denken wir besser nicht und an Transparenz und Informationsfluss hapert es an allen Stellen.
Bleibt die Vorfreude auf die Kommunalwahlen 2014 und die Hoffnung, dass die Lippstädter doch noch rechtzeitig merken, dass die ganzen Jahrzehnte CDU nicht spurlos an der kommunalen Demokratie vorübergegangen sind?

So
9
Okt '11

Rocky Horror Picture Show

Es gibt viel Kultur in unserer Region. Als da wären zu nennen die Schützenfeste natürlich, die vielen hochkarätigen Veranstaltungen auf  dem Rathausplatz, die Schützenfeste, die vielen hochkarätigen Veranstaltungen im Stadtbunker (kein Theater, da kein Ensemble, dafür  schlechter Sound und teuer im Unterhalt), und natürlich die Schützenfeste.
Um es vorneweg zu sagen: Ich habe nichts gegen Schützenfeste. Ich muss ja nicht dahin gehen. Und dass sich mir nicht erschließt, warum man mit Gewehrattrappen und Uniformattrappen einer diffusen Tradition (bestehend aus zwei verlorenen Weltkriegen) frönt, um einen Grund für den Alkoholkonsum vorzutäuschen, spielt genauso wenig eine Rolle, wie die Brauchtumspflege beim kollektiven Alkoholmissbrauch – wenigstens eingezäunt, also unter Aufsicht.

Was ich bedenklich finde ist, dass mittlerweile so ziemlich jede Veranstaltung vom Geist des Schützenfestes durchzogen ist. Beispiel: Bei einer Lesung in einer Lippstädter Kulturenklave klatschten insbesondere die menopausierenden Zuschauer spontan wie fröhlich im Zwovierteltakt eines Hörbeispieles mit, obwohl dieser als politischer Marsch zur Verdeutlichung eines geschichtlichen Zusammenhangs angekündigt war. Danke, für so viel Verstand.

Jede Veranstaltung in dieser Region muss also am Schützenfestmaßstab gemessen werden. Meist sinkt so für Sie das Niveau. Manchmal singt einer aber auch zu viel. Am Wochenende war dafür in einer Nachbarstadt im Sinne dieser Mission eine Veranstaltung bei einem Autohändler angesetzt und als Modenschau deklariert:

Nach der Ableistung des Wegzolls in sagenhafter Höhe bei einem ehemaligen “Venue”- Türsteher, der überraschend doch über die Gabe des gesprochenen Wortes verfügte, befanden wir uns alsdann in einer Gruppe höchst provinzieller Natur.

Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Eine Veranstaltung ist nicht vom Verständnis der Gäste für das Dargebotene abhängig, allerdings ist im Umkehrschluss auch keine Einschätzung der Qualität durch die Resonanz im Publikum sichergestellt.
Die dargebotene Mode/Frisuren/Schmuck waren nett bis uninteressant, sicherlich tragbar, die Mannequins bemühten sich, die multimediale Beigabe bestand aus einer des Öfteren abstürzenden Powerpoint- Präsentation und enthielt hauptsächlich (Eigen)Werbung. Die Getränkeliste war unvollständig, auf Nachfrage gab es dann aber doch noch mehr Auswahl, die sonst guten Cocktails bestanden diesmal überraschend hauptsächlich aus  Eis, die sonstige Verpflegung aus Kartoffelsuppe. So weit, so schlicht.

Während der Modenschau fielen penetrant zwei negative Aspekte auf: Die dröhnende, streckenweise unpassende und insgesamt nervtötende Musik sowie die moderatorähnliche Geschmacksverwirrung, die offensichtlich an einem starken Minderwertigkeitskomplex laborierte und diesen ausgerechnet auf der Bühne kompensieren musste:

Was soll es dem geneigten Zuschauer bedeuten, wenn der Moderator einer Modenschau farblich unterschiedliche Schwarzschattierungen in Hosen, Shirt und Jackett trägt? Das man Reste auch kombinieren kann? Warum ein weißes Einstecktuch im Jackett, aber einen Indoorschal anstatt einer Krawatte (im Übrigen wird das Dreieck des Einstecktuchs nicht hochkant ausgeführt, weil es dann wie eine Serviette wirkt). Warum ein ärmelloses Shirt (!!!) unter einem Blazer?

Wozu sind die beiden Kerzen links und rechts am Notenständer vor dem Moderator gut, soll dies Romantik symbolisieren? Und warum stehen dieser Ständer und sein evolutionärer Vorläufer mitten auf der Bühne und singen (lautstark und tendenziell falsch) während der Schau?

Warum muss man ein zierliches Model erst zu dritt über den Köpfen balancieren und dann anschließend durchs Mikrofon kolportieren, es wäre schwer gewesen, diese 75kg zu wuchten? Im Gegensatz zum Verbreiter dieser Beleidigung hat die junge Dame offensichtlich viel Zeit mit Sport für die positive Wirkung ihres Körpers verwendet, was man vom fleischbemützten Moderator nicht  unbedingt behaupten kann. Weitere Beleidigungen prasselten im Laufe des Abends sowohl auf Publikum als auch auf Mitarbeiter ein.

Warum muss man am Ende einer Modenschau “We are the world” singen und warum dies eine geschlagene Viertelstunde lang?

Für etwas mehr Niveau hätten sich reichliche Möglichkeiten geboten, aber wie eingangs gesagt, alles muss auf Schützenfestniveau sein. Schade, da muss man nicht mehr hin.