Exklusiv-Interview: Hartmut Befeldt und die Südstadt

Die Pläne um die südliche Altstadt Lippstadts sind nach wie vor ein heißes Thema. Kurz zusammengefasst: Die Stadt plant den Bau von Einkaufscentern (Hier das Infoblatt der Stadt, PDF, 2.5mb). Die Initiative „Lebendiges Lippstadt“ hält dagegen und spricht sich eher für eine integrative Strategie aus, die auch den Norden der Innenstadt einschließt. Vor einiger Zeit hatte mir Hartmut Befeldt von „Lebendiges Lippstadt“ auf einen Blogeintrag geantwortet. Draus geworden ist dieses Interview, exklusiv für Lippstadt-Blog. Ich danke Herrn Befeldt für die ausführliche Beantwortung meiner teils etwas scharfen Fragen.

(LB = Lippstadt-Blog / HB = Hartmut Befeldt)

LB: Hallo Hartmut, bitte umreiße ganz kurz, was die Initiative „Lebendiges Lippstadt“ ist.

HB: Lebendiges Lippstadt ist eine Initiative ganz unterschiedlicher Bürger Lippstadts, denen die Entwicklung, die diese Stadt seit einiger Zeit nimmt, nicht gefällt und für die die jetzige Planung für das Güterbahnhofsgelände mit antiquierten Einkaufscenter-Konzepten der Anlass war sich zu organisieren …

Dabei sind KünstlerInnen, UnternehmerInnen, ArchitektInnen, Pädagogen, KulturwissenschaftlerInnen und andere Lippstädter Bürger. Unser Ziel ist es Konzepte zu fördern und zu entwickeln, die Lippstadt in den Punkten, die es einzigartig macht, weiterentwickeln. Im eigentlichen Sinne von Stadtmarketing wollen wir die typischen, die Alleinstellungsmerkmale von Lippstadt weiterentwickeln, weil sich die Stadt nur so als Standort profilieren kann und nicht, indem sie die Konzepte anderer Städte nachahmt, mit denen die wiederum andere nachgeahmt haben, die vorher schon andere nachgeahmt haben … . Wir glauben, dass das Güterbahnhofsgelände eine einzigartige Entwicklungschance für die Stadt darstellt, und zwar in dem Sinne, dass sie sich kreativ weiterentwickelt, ihre Stärken ausbaut und an ihrer Einzigartigkeit arbeitet, z. B. mit einem „Kulturdreieck“ als Mittelpunkt, Wohnen, Handel, Büros und Gewerbe, Gastronomie und so weiter, eben urbane Lebensqualität schafft. Wir werden in den nächsten zwei Wochen dazu einen Entwurf präsentieren. Das Gelände bietet Raum für realisierbare Visionen, man muss sich nur die Zeit nehmen und Mut haben. Ein hervorragende Vision mit unglaublich viel Nutzen für die Stadt hat der „Blicker“ übrigens am 30.08.07 veröffentlicht.


LB: Es gab auch schon gemeinsame Termine mit der Stadt zu dem Thema. Ist die Initiative als Gesprächspartner denn anerkannt?

HB: Jain, natürlich sind wir insoweit anerkannt, wie wir eine Bedrohung für die Pläne des Bürgermeisters darstellen könnten. Als wir zum ersten Mal das Thema „Bürgerbegehren“ aufgebracht haben, war das Gesprächsinteresse besonders groß. Die bisherigen Gespräche – vor allem die letzen – waren klar darauf ausgerichtet, herauszubekommen was wir vorhaben und möglichst wenig an eigenen Informationen preiszugeben.

Inhaltlich wissen wir, dass die Fachdienste der Stadtverwaltung, also diejenigen die mit der Planung zu tun haben, unsere Argumente zumindest zur Kenntnis nehmen, weil sie fachlich fundiert sind und die bisherige Begründung für die städtischen Pläne – vor allem das angebliche Sachverständigengutachten – schon umfassend widerlegt haben.

Aber die Politik – an ihrer Spitze der Bürgermeister und die ihn tragenden Parteien des Stadtrats – hat natürlich kein Interesse an der fachlich besten Lösung, sondern muss jetzt langsam einmal etwas Vorzeigbares präsentieren. Die Wirtschaftsförderung hat im Bereich der Innenstadtentwicklung in den letzten zehn Jahren nichts auf die Reihe gebracht. Insofern kommt so ein Leuchtturm-Konzept von der Stange, das Einkaufszentrum in Innenstadtlage, natürlich genau zur richtigen Zeit, weil man selbst keinerlei Ideen hat, was man mit dem riesigen Güterbahnhofsgelände sonst noch so alles anfangen könnte. Und die Investoren wissen so etwas natürlich sehr genau. Die sind in der Regel über die politischen Besonderheiten einer Ziel-Stadt sehr gut informiert – auch unsere Aktivitäten – und nutzen diese Information wie gute Schachspieler

LB: Erkläre bitte in maximal 5 Sätzen das „Knochenkonzept“ (ja, das ist gemein ;o)

HB: So schwierig ist das nicht (dieser Satz zählt nicht). Das Knochenkonzept sagt, dass man eine Fussgängerzone wie die Lange Str. dadurch stärkt, dass man an ihren Polen, also im Norden und im Süden gleichgewichtige „Einkaufsmagneten“ platziert. Dadurch entsteht zwischen diesen Polen, oder halt den dicken Enden eines Knochens, der fußläufige Verkehr, der die alte bestehende Einkaufslage stärkt und lebendig erhält. Das ist im übrigen nicht unser Konzept, sondern das Konzept, nachdem große Einkaufsmalls aufgebaut sind und was seit ca. zwanzig Jahren auch erfolgreich in der Stadtentwicklung praktiziert wird. Das Gegenteil davon ist das, was die Stadt Lippstadt plant: alleiniger Ausbau des Südens – die Aufstockung wird ca. 30% der bestehenden Einkaufsfläche betragen – und anschließende völlige Verödung der nördlichen Langen Str.: Billigläden, sinkende Mieten, etc.


LB: Bei der letzten Veranstaltung Mitte Juni hatte die Initiative etwa 30 Gäste. Direkt betroffene Bewohner, Pächter und Geschäftsleute blieben zuhause. Wie erklärst Du Dir das Desinteresse?

HB: Es waren auch mehrere direkt betroffenw Ladenbetreiber aus dem Norden der Langen Str. anwesend. Im Übrigen war der Besuch hochkarätig. Neben hochrangigen Vertretern mehrerer im Stadtrat vertretener Parteien waren anwesend: der Leiter des städtischen Planungsamtes, der externe Beauftragte für die Verkehrsuntersuchungen, der Investor für das Südertor Ost und Südertor West und Presse auch aus überstädtischen Medien.

Das Thema war nicht auf Krawall gebürstet wie bei unserer Veranstaltung im März, wo wir vier Tage vorher unsere Absichten ein Bürgerbegehren zu organisieren angekündigt hatten und Presse und Publikum sich darauf gestürzt haben.

Bei konzeptionellen Fragen herrschen in Lippstadt zwei Einstellungen vor: erstens: „Das bringt ja doch nichts, in Lippstadt hat noch nie etwas funktioniert“ und zweitens: „Die machen ja eh was sie wollen“. Das ist durchaus widersprüchlich, begründet aber gerade deshalb die resignative Grundhaltung.


LB: Die Initiative „Lebendiges Lippstadt“ stellt regelmäßig Informationsstände auf der Langen Straße auf. Wie ist das Feedback dort?

HB: In der Sache sehr positiv und zustimmend, in der Perspektive sehr ernüchternd. Bei unseren Info-Ständen haben wir immer wieder gehört: „Das ist gut was ihr macht, aber das bringt in Lippstadt eh nichts.“ oder eben „Die machen ja eh‘ was sie wollen“. Das ist sicherlich sehr gut beobachtet und für viele Bürger auch eine reale Erfahrung. Ich frage mich allerdings, wieviel eine Stadt von ihrer Entwicklungsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit bereits verspielt hat, wenn sie solche Einstellungen ihrer Bürger und Geschäftleute produziert.

Das Thema „südliche Altstadt“ polarisiert aber sehr, quer durch Parteien und Bevölkerungsschichten. Wir werden nicht nur gelobt, sondern auch beschimpft (über die Presse übrigens vor allem von der FDP, die ja immer glaubt, dass die unsichtbare Hand des freien Marktes alles zum Guten wendet, weil sie dann keine eigenen Konzepte mehr braucht, die sie ohnehin nicht hat). Die meisten Bürger verstehen aber nicht, warum man zwei historische Straßenzüge in der südlichen Altstadt abreißen muss, um anschließend auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs ein Einkaufszentrum zu errichten. Selbst diejenigen, die im Planungsprozess etwas enger beteiligt waren, wussten nicht, dass die halbe Blumenstr. fallen muss, um dem „Leuchtturm“ für das Einkaufszentrum Platz zu machen. Da hat die viel beschworene Bürgerbeteiligung entweder nicht funktioniert oder sie hat auf gezielte Desinformation gebaut. Wir gleichen das jetzt aus und produzieren mit den Info-Ständen viele Aha-Erlebnisse.

Unsere „Gegner“ gehen der direkten Konfrontation alle eher aus dem Weg.


LB: Wann ist damit zu rechnen, dass wir als Bürger mit einer Unterschrift über das Geschehen mitbestimmen dürfen?

HB: Sobald das Projekt „Einkaufszentrem Südliche Altstadt“ konkret wird, d. h. in Bebauungspläne, Verträge etc. einmündet. In NRW ist es zwar nicht zulässig, Bürgerbegehren gegen Bebauungspläne einzuleiten, aber erstens hat erst kürzlich das Verwaltungsgericht in Münster, das auch für Lippstadt zuständig wäre, das anders und sehr differenziert gesehen, und zweitens sind wir darauf vorbereitet. Wir haben eine juristisch sehr gut vorbereitete Formulierung für ein Bürgerbegehren in der Schublade. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, werden wir die Lade öffnen.

Es macht aber keinen Sinn, ein Bürgerbegehren durchzuführen, solange die Anderen – also Stadtverwaltung, Stadtrat und Investor – immer noch nicht wissen, wie es denn jetzt eigentlich laufen soll und das scheinen sie in der Tat gegenwärtig selber nicht zu wissen. Die Pressemitteilungen der letzten drei Wochen sind da ja sehr widersprüchlich, gewissermaßen zwischen Katerstimmung und Euphorie – oder besser Euphemismus.

Am 20.09.2007 sollen übrigens die neuen – angeblich noch besseren Planungen – zunächst im Planungsausschuss des Stadtrates präsentiert werden.

Vorher haben wir aber noch eine höchst interessante Veranstaltung mit Dr. Pump-Uhlmann, Herausgeber und Autor des Buches „Angriff auf die City“. Die Veranstaltung ist am 13.09.07. genauen Ort und Zeit verbreiten wir noch über die Presse und unsere Website www.lebendiges-lippstadt.de

LB: Du bildest zusammen mit Sascha Tschorn quasi das Sprachrohr und zugleich die Speerspitze der Initiative – ein Wirtschaftsberater mit Fachkompetenz in Sachen Sanierung und ein Architekt. Da muss man sich schon die Frage gefallen lassen, ob das Interesse an einer „lebendigen Innenstadt“ der einzige Grund für das Engagement ist …

HB: Zunächst einmal, die Initiative besteht aus vielen Personen mit großem Engagement, manche treten öffentlich auf und mache arbeiten im Hintergrund, häufig wirkungsvoller als diejenigen, die vorne stehen.

Aber klar, das bist du auch nicht der Erste, der das fragt. Was Sascha angeht, der beschäftigt sich beruflich mit ganz anderen Dingen, ist aber als Lippstädter mit Herzblut bei dem Thema dabei und hat auch schon als Student Konzepte zur Entwicklung des Güterbahnhofsgeländes erstellt. Er hat keine wirtschaftlichen, sondern ideelle Interessen und Ideen, genau wie ich auch.

Zu mir: Aus dem Gesichtspunkt des Steuerberaters mit einem Tätigkeitsschwerpunkt Sanierung hätte ich wahrscheinlich mehr davon, wenn das Einkaufszentrum gebaut würde. Da gäb` es im Lippstädter Einzelhandel in puncto Sanierung wohl viel zu tun. Allerdings fürchte ich, dass das eher Aufgaben für Insolvenzverwalter als für Sanierer werden.

Aber Spass beiseite, ich bin gebürtiger Dortmunder und habe dort schon vor zwanzig Jahren erlebt (dort war ich übrigens für eine Insolvenzverwalter-Kanzlei tätig), wie man durch einseitige Innenstadtentwicklung, die nur auf großflächigen Einzelhandel ausgerichtet war, die Innenstadt in die Verödung und den bestehenden Einzelhandel in den Ruin getrieben hat, und einen großen Teil der Gastronomie gleich mit. Das ist kein Einzelfall und kann vielfach nachgelesen werden. Mittlerweile versucht man dort unter großen Schwierigkeiten und Mühen wieder Lebendigkeit und Lebensqualität in die Innenstadt zu bringen, durch Wohnen, durch Kultur, Arbeiten und hochqualitiativem Einzelhandel, also die Art von lebendiger Mischnutzung, die uns auch für die südliche Altstadt vorschwebt.

Aber jetzt, zwanzig Jahre später, wo es in Großstädten keine Flächen für Einkaufszentren mehr gibt, versuchen die Investoren und Entwickler ihre zerstörerschen Konzepte in die Innenstadtlagen der Mittel- und Kleinstädte zu bringen. Und die Lippstädter Politik klatscht weitestgehend Beifall und hebt pflichtschuldigst das Abstimmhändchen, weil es sie von der Verpflichtung entbindet, sich eigene Gedanken um die zukünftige Entwicklung dieser Stadt zu machen. Dies zu verhindern, ist meine persönliche Motivation.

Aber auch wenn Sascha und ich noch irgend jemand anders da keine eigenen wirtschaftlichen Interessen haben: Die Frage nach der Tätigkeit in der Intiative und dem beruflichen Zusammenhang ist aber schon eine heikle Frage. Sascha und ich sind unabhängig von denjenigen, die in Lippstadt „ja eh` machen was sie wollen“ und insoweit nicht erpressbar. Das schafft natürlich auch große Unsicherheit bei genau denjenigen. Es gibt aber durchaus Aktive der Initiative, die bereits mit Repressionen beruflicher und damit wirtschaftlicher Art zu tun hatten. Scheinbar empfindet man uns tatsächlich als Bedrohung.

LB: Vielen Dank für das Interview!

Ein Gedanke zu „Exklusiv-Interview: Hartmut Befeldt und die Südstadt

  1. Frank Boneberger

    Huch! In Lippstadt gibt es eine FDP? Ich dachte, der erwähnte Pressebericht handele von den Senioren in der Loge… Moment… Da kommt was rein… Huch! In Lippstadt gibt es einen Karnevalsverein? Ich dachte das wäre die FDP… Keine Herztöne, aber (noch) nicht gehinrtot.

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